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The Tower of Silence

Im zoroastrischen Bestattungsritual wird der Leichnam an geeigneten Stellen
abgelegt, damit dessen Weichteile von Aasfressern verwertet werden können. Eine Anordnung von Steinen, oder die architektonisch aufwendigeren Türme des Schweigens, verhinderten wahrscheinlich, das verwesendes Fleisch durch Landraubtiere zurück in bewohnte Gebiete und die Gemeinschaft gelangt. Dieser Bestattungsform liegt eine sorgfältige und mühsame Auseinandersetzung mit Leben und Sterben zu Grunde, für die in der barbarischen, industrialisierten und profitorientierten westlichen Praxis des Verbergens weder Platz noch Zeit ist.

Der Zoroastrismus breitete sich in der großen Familie der arischen Völker[1] vor langer Zeit als Steppenläufer durch nomadische Lebensweise und Handel aus. Die Lehre besteht aus einem undurchsichtigen Gestrüpp geistiger Wesen, die Bezüge zu unerklärlichen, natürlichen Ereignissen herstellen, und sich alle im Herrn der Weisheit, der Ahura Mazda, vereinigen. Es wird empfohlen gute Gedanken, Worte und Taten walten zu lassen, wobei ‘das Gute’ keiner von der Religion vorgeschriebenen Moral unterliegt, sondern sich im ständigen Kampf des Pantheons befindet, der sich den Umständen entsprechend immer neu entscheidet. Menschliche Eindrücke und Empfindungen, wie zum Beispiel Liebe, werden nicht fälschlicherweise Gott (“Gott ist Liebe”) zugeschrieben, sondern sind Teil des Ganzen. (“Liebe ist Gott”)[2] Je wichtiger eine Angelegenheit für die Realität des Menschen, umso intensiver kreiste ein Mythos um die Sache, der weniger mit bewußtem Vorhaben sondern durch die Motive Fortpflanzung und Überleben wuchs. Trotzdem liegt hinter all der Mystik eine einleuchtende Rationalität, so wurde bei der sagenumwobenen Luftbestattung, unter anderem wegen Knappheit an Brennmaterial, kostbares Feuer nicht an den Tod verschwendet.

Die einstige Weltreligion inspirierte auch Nietzsche zu Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen, in dem der intellektuelle Allrounder mehr denn je auf eine belehrende Demonstration des Wissens verzichtet, sondern die Seele sprechen lässt und gerade deswegen so klar und deutlich zu verstehen ist. Klossowski deutete Nietzsches Werk im Zusammenhang mit dessen Gemüt, und durch den Ton der Worte erkannte er in ihm den wohl Einflussreichsten unter den großen Verschwörern des industriellen Zeitalters. Was Nietzsche von Marx und Freud abhebt ist Authentizität – vom Abgrund angezogen, schwirrt sein Denken um das Chaos, während andere, so wie in der modernen Philosophie üblich, umständlich um einen [nicht vorhandenen] Kern der Wahrheit herumreden. Seit Anbeginn der KI Forschung dreht sich alles um die Frage nach einer natürlich funktionierenden Organisation des Wissens, die durch Philosophie und nicht wie allgemein angenommen von MINT erschlossen wird. Wesentlich für irdisches Glück ist für Zarathustra die ewige Wiederkunft von Untergang und Neuanfang. Ein offener Kreislauf, der in der Moderne durch die Ächtung des Todes immer mehr zu einer ausweglosen Endlosschleife wurde.

[1] Aaryamaan ist in der indo-iranischen Mythologie die personifizierte Macht der Freundschaft. Siehe Boyce, S. 10
[2] ibid.

AUDINT—Unsound:Undead (2019). Ed. Goodman, S. and Heys, T. and Ikoniadou, E.. Falmouth, UK: Urbanomic.
Boyce M.(2001). Zoroastrians: Their Religious Beliefs and Practices. Routledge: London.
Galloway A. R. (2014). Laruelle: Against the Digital. Minneapolis: The University of Minnesota Press.
Klossowski P. (2005). Nietzsche and the Vicious Circle. London: continuum.
Nietzsche F. W. (2005). Also Sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen.
Weinberg J. (30.07.2020). Philosophers on GPT-3. Dailynous.

Written on July 13, 2020